ÆON - Zurück bleibt ein leeres Spielfeld

  • Originaleintrag erstellt am 07.09.2006:


    Mein Onlineclan (deutsch: Spielergemeinschaft) ÆON zeigt Auflösungserscheinungen und ich habe vor kurzem unseren CS:S Server gekündigt. Dieser hatte uns seit einem Jahr als Public- und Warserver gedient. Bis Anfang Dezember läuft der Vertrag noch, dann wird die Kiste abgeschaltet. Irgendwie schade, ich denke gerade an all die Arbeit, die ich in die Konfiguration des Servers gesteckt habe, an den Kampf, den ich und einige andere innerhalb des Clans führen mussten, um diesen Server zu erhalten. Nun ist dies alles Geschichte. Es werden bald alle Server des Clans gekündigt und geht es nach unseren ebenfalls wenig aktiven Clan-Leitern, für einige Zeit “schlafen gelegt” werden.

    Bleibt der Sinn auf der Strecke?

    Ich frage mich allerdings, was macht ein Clan für einen Sinn, wenn niemand mehr online spielt? Um sich nicht aus dem Blick zu verlieren, bedarf es keines Clans, sondern nur des eigenen Willens. Mit den Leuten, mit denen ich mich gut verstehe, werde ich auch weiterhin den Kontakt halten.

    Zeichen stehen auf Sturm
    Am Montag habe ich mich mit dem Clanleiter gestritten. Ich kam ins Teamspeak (kostenlose Kommunikationsmöglichkeit über Headset und Microphon) und fragte die Anwesenden, ob jemand Lust habe, eine Runde Counterstrike:Source (CS:S) zu zocken. Plötzlich musste ich mir eine Frust-Ballade von meinem Clanleiter anhören …

    … “Counterstrike: Source wäre Schuld daran, dass der Clan zerfallen würde, dort gäbe es eine Gruppenbildung, der Claneigene Counterstrike Server wäre „scheiße“ usw.

    Gedanken

    Während sich mein Clanleiter abreagierte, hielt ich mir den Leidensweg unseres Counterstrike: Source Teams vor Augen. Vielleicht klingt das ganze für einen Außenstehenden sehr dramatisch, vielleicht wäre es einfacher gewesen bei der ersten Schwierigkeit eine andere Spielergemeinschaft zu suchen. Ich vertrete jedoch die Ansicht, dass der einfachste Weg nicht immer der beste ist. Der steinige Weg des Teams nahm schon vor einigen Jahren seinen Anfang, im Jahre 2004. Unser Clan, besteht schon seit 2001 und konzentrierte sich seit seiner Gründung auf ein einziges Spiel, eine Unreal Tournament Modifikation namens Tactical Ops (TO). Auf knapp 30 Mitglieder wuchs unser Clan bis zu diesem Zeitpunkt an. Ich war in 2004 bereits seit zirka zwei Jahren dabei und ein ebenso begeisterter TO Spieler, wie jeder andere aktive Spieler in unserer Clangemeinschaft.

    Auf zu neuen Ufern

    Doch wie das nun mal so ist, ein Entdecker macht sich schon mal auf zu neuen Ufern und so entdeckte ich die Beta-Version von Counterstrike: Source (CS:S) für mich. Im Gegensatz zur schon Angegrauten Grafik von Tactical Ops gab es bei Counterstrike: Source viel Neues zu entdecken. Natürlich war die Grafik neuer und hatte einige nette Features, z.b. eine Physikengine und für mich wichtiger, den Schwerpunkt weniger auf bloße Haudrauf-Taktik, wie im Vergleich zu Tactical Ops. Meine Begeisterung hielt an und ich begann immer mehr CS:S und weniger TO zu spielen. Nach einiger Zeit gab es auch einige aus meinem Clan, welche sich ebenfalls für CS:S begeistern ließen. Einher ging dies mit immer weniger Spielern, die Tactical Ops weiterspielten. Dies ist bei Spielen der Lauf der Dinge, irgendwann verliert man einfach das Interesse und sucht sich neue Herausforderungen.

    Steigende Motivation CS:S zu spielen
    Die Motivation der CS:S Spieler wurde immer größer und der Wunsch nach einem eigenen Server im Clan ebenfalls. Doch die Hoffnungen darauf erstickten direkt im Keim durch die damaligen Serveradmins. Letztendlich wurde mir gegenüber offen erklärt, man habe Angst, CS:S könne Tactical Ops den Rang ablaufen.

    An die Stirn gefasst

    Dies war der erste Moment in dem ich mir mit der Hand an die Stirn fassen musste. Wir befinden uns in einer Spielergemeinschaft mit dem Ziel, gemeinsam zu spielen und Spaß zu haben. Hier versuchen dann einzelne aufgrund ihrer Position (Serveradministratoren) das Spielen eines neuen Spiels in der Gemeinschaft zu erschweren/unterdrücken. Was eigentlich so nicht laufen sollte, wurde von der Clanleitung munter ignoriert/toleriert.

    Ein Streit

    Nach einem großen Krach gab es dann einen kleinen Server mit 12 Spielerplätzen mit schlechter, instabiler Performance, den aus diesem Grund auch niemand so recht nutzen wollte. Lieber spielten wir und natürlich alle anderen auf den großen und ordentlich betreuten Servern anderer Clans. Die Gespräche über einen Wechsel zu anderen Serveranbietern kamen in dieser Zeit ebenfalls auf, wurden jedoch genauso wie alles andere schleifen gelassen. Das Wort der Serveradministratoren war in der Zeit wie es noch heute ist, Gesetz. Gezweifelt wurde stark hinter verschlossenen Türen, aber nur wenige äußerten diese Zweifel auch gegenüber dem gesamten Clan. Die, die dies taten wurden abgeblockt, eben weil man sich davor fürchtete, ein anderes Spiel könne TO den Rang ablaufen. Dadurch wurde viel verschlafen, alle Server standen die meiste Zeit leer.

    Initiative ergreifen

    Irgendwann war ich es leid und mietete zu Testzwecken einen eigenen Webserver und richtete dort einen Platz für Counterstrike: Source ein. Dieser Server erfreute sich nach einiger Zeit großer Beliebtheit, wurde jedoch von unseren alteingesessenen Serveradministratoren nur verspottet. “Zu schlechte Pings, Anbieter mit schlechtem Ruf”, bekam ich zu hören. Im Gegensatz zu unseren Leerstehenden Clan-Server war mein Server jedoch nach einer Einlaufzeit überraschend gut besucht.

    Noch ein Streit

    Letztendlich gab es dann einen erneuten Streit um die Veränderung unserer Serverstrukturen, wo letztendlich auch ein besseres Umfeld für Counterstrike: Source durchgerungen wurde. Das ganze hatte sich mittlerweile fast anderthalb Jahre hingezogen. Die Stimmung balancierte kurz über dem Nullpunkt entlang. Mittlerweile schrieben wir Ende 2005, die aktiven Spieler hielten sich, egal bei welchem Spiel überschaubar klein. Tactical Ops brachte letztendlich gar kein Team mehr für Fun/Ligasspiele zusammen. Bei Counterstrike: Source hatten wir dagegen ein knappes Team zusammen. Es fanden einige Fun- und Ligaspiele statt. Bis in das Frühjahr 2006 kehrte wieder ein wenig Ruhe in den Clan.

    Bergab

    Abgesehen von einigen durch die Clanleitung provozierten Mitgliederaustritten hielt sich unsere Spielerzahl konstant. Doch zur Mitte des Jahres nahm die Aktivität unserer, für die Organisation verantwortlichen Leuten ab. Dies führte während und nach der WM 2006 letztendlich zu erneuten Diskussionen per Forum und Teamspeak. Unsere Clanleitung erwies erneut ihre Feinfühligkeit, gleich eines durch den Porzellanladen stolzierenden Elefanten und so verließen drei Leute den Clan, bis dahin aktive CS:S Spieler. In dieser Situation schreibe ich nun, als einer von nur noch drei aktiven Spielern über meine Gedanken, während ich mir, von meinem Clanleiter eine Ansprache anhörte.

    Rückblick
    Ich kann von meiner Zeit bei ÆON mit gutem Gewissen sagen, dass ich mich oft für meine Mitspieler eingesetzt habe. Ich habe unsere Interessen und Bedürfnisse gegenüber der Clanleitung immer vertreten und argumentiert. Musste mir dafür abfällige Kommentare, Beleidigungen und andere negative Nettigkeiten gefallen lassen und mit ansehen, wie meine Spielergemeinschaft immer mehr in der Inaktivität versank. Und dann darf ich mir auf einmal von meinem Clanleiter (seit dessen Amtsantritt mehr Spieler den Clan freiwillig verlassen haben, als bei jedem anderen zuvor), anhören, die CS:S Spieler wären Schuld an der Lage des Clans und ich im Besonderen.

    Es macht Klick

    Es folgt eine Triade, die sich immer nur um die gemeinen CS:S Spieler dreht. Im Laufe des Clanleiter-Monologs hab ich keine Lust mehr, mir das ganze nur anzuhören und gebe Kontra. Meine Meinung, der Clanleader solle sich erst mal um die offenen Baustellen (Fehlerhafte und dauernd gehackte Clanwebsite, kaputtes Diskussionsforum, inaktive Organisation/Leader) kümmern und könne sich dann gerne noch mal mit mir unterhalten, leitet dann das Ende des einseitig knappen Streitgesprächs ein. Mein Clanleiter verlässt brüskiert den Teamspeak-Server.

    Der Gipfel

    Dies ist nur der Gipfel eines nicht enden wollenden Weg von Ewiggestrigen und undemokratischen Strukturen, die ich über Jahre hinweg im Sinne der sonst positiven Spielergemeinschaft toleriert habe. Mir ging es nach diesem kurzen Aufeinandertreffen auf jeden Fall besser und bestärkte mich in meiner Entscheidungsfindung, die ich solange vor mir her geschoben hatte, im Glauben auf eine Chance durch konstruktive Diskussionen/Kritik positive Veränderungen herbeiführen zu können. Dieser Glaube ist leider nie zur Realität geworden.

    No surrender, no retreat
    (Keine Aufgabe, kein Rückzug)
    Dies war über Jahre mein Wahlspruch auf den Servern dieser Erde, wenn ich für meinen Clan gespielt habe. “ÆON – No surrender, no retreat” hieß meine Devise, nach der es mir Spaß machte, zu spielen. Doch was ich schon länger wusste, doch bis heute nicht wahr haben wollte: “ÆON”, als Clan / Spielergemeinschaft, wurde schon vor langer Zeit aufgegeben. Als die Toleranz über Board geworfen, Gräben gezogen, einzelne Spiele voneinander abgegrenzt und unterschiedlich gewichtet sowie monolithische Verwaltungsstrukturen gegen jedewede Veränderung / Weiterentwicklung abgegrenzt wurden, starb damit auch das Gemeinschaftsgefühl.
    Diese Entwicklungen stehen im krassen Gegensatz zu meiner eigenen Definition einer Spielergemeinschaft:
    Ein Clan ist eine freiwillige Spielergemeinschaft, in der sich Menschen mit ähnlichen/gleiche Spielinteressen sammeln und neue Interessen entwickeln können. Der Spielspaß und das Miteinander muss im Vordergrund stehen, sonst geht das Gemeinschaftsgefühl verloren.

    Zurück bleibt ein leeres Spielfeld

    ÆON hat für mich sein Gemeinschaftsgefühl verloren. Es hat mich in meiner vierjährigen Zeit bei diesem Clan gut zwei Jahre gekostet, dass zu erkennen und mir selbst einzugestehen. Natürlich habe ich unabhängig von den vielen Problemen die der Clan mit sich brachte, viel Spaß und Freude zusammen mit vielen Clanmitglieder und ehemaligen Clanmitglieder erlebt. Ein weiterer Grund, welcher mir meine Entscheidung schwer gemacht hat.

    Goodbye ÆON

    Ich muss zugeben, nun, wo ich diesen Schritt unternehme und mir sicher bin in meiner Entscheidung, habe ich ein gutes Gefühl. Und was noch wichtiger ist, ich habe, seit ich mir klar über meinen Weg bin, wieder viel mehr Spaß daran gefunden online zu spielen. Endlich muss ich keine Sorgen oder Streitereien mehr im Forum verfolgen und kann, nachdem ich dies hier nun geschrieben habe, mit gutem Gewissen den noch verbliebenen Clanmitgliedern alles Gute wünschen. Die, die ich bzw. die mich wertschätzen, verliere ich ganz sicher nicht aus den Augen. Goodbye ÆON!

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